| Domschatzkammer
Lüttich wiedereröffnet
07.04.2009 |
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Die ostbelgischen Pfarren - Einrichtungen mit Geschichte
Die Schatzkammer der Lütticher Kathedrale, die Ende März wiedereröffnet wurde, enthält mehrere herausragende Objekte des mittelalterlichen Lütticher Kulturerbes, wie z.B. die Reliquienschrein Karls des Kühnen (ca. 1467) und des hl. Lambertus (ca. 1512), das maasländische Elfenbeinrelief der „Drei Auferstehungen“ und bemerkenswerte Textilsammlungen wie die Grabtücher des Heiligen Lambertus und liturgische Ornamente. Der Schatz bietet eine Reise durch Kunst und Geschichte des ehemaligen Fürstbistums und der Diözese Lüttich
Lüttich
(von Lothar Klinges)
Dass zur Kathedrale von Lüttich ein Schatz gehört, der in Europa seinesgleichen sucht, war bislang nur Fachleuten bekannt. Viele Kunstwerke wurden hier Jahrhunderte lang gehütet und es grenzt an ein Wunder, dass ein mittelalterlicher Kirchenschatz in einer solchen Größenordnung erhalten blieb.
Doch während andere Städte ihre Kleinodien und kirchlichen Kunstwerke schon längst in würdevollem Rahmen präsentieren, fristeten Lüttichs Kostbarkeiten lange ein Schattendasein. Lange waren diese einzigartigen Stücke der Domschatzkammer in einem Tresor weggesperrt, seit zehn Jahren war zumindest ein bescheidener Teil ausgestellt.
Nun beginnt für
den Lütticher Domschatz eine neue Zeit. Am 26. März wurde nach mehr
als fünf Jahren Planungs- und Bauzeit im Beisein von Prinzessin Claire
und von Bischof Aloys Jousten die neue Domschatzkammer in den historischen
Räumen des Kreuzgangs eröffnet. Seitdem sind rund 200 herausragende
Exponate aus einem Fundus von mehreren tausend Objekten der Öffentlichkeit
zugänglich, gerade noch zeitig vor Beginn der Touristensaison.
„Wer den Domschatz in seiner bisherigen Umgebung kannte, der wird die
Ausstellung wie eine Neuentdeckung empfinden“, meinte der Leiter der
Domschatzkammer, Philippe George gegenüber dem Grenz-Echo. Dankbar sei
das Bistum Lüttich dafür, dass nach dem Umbau und der Erweiterung
der Domschatzkammer dieser „einzigartige Schatz“ nun in einem
erstklassigen Rahmen gezeigt wird. Der Lütticher Schatz ist einzigartig
unter den Kirchenschätzen Europas. Daran ließ der 52-jährige
Chefkonservator keinen Zweifel: „Der Domschatz zählt zu den umfangreichsten
mittelalterlichen Kirchenschätzen Europas.“ Dazu gehören kostbare
Gewänder, Bildteppiche, Skulpturen, Altarbilder, Handschriften, Elfenbeinschnitzereien,
Goldschmiedearbeiten sowie Reliquiare. Viele Besucher seien „fasziniert“
und „überwältigt“, und nicht wenige hätten ihm
gesagt, dass sie noch einmal wiederkommen würden, freut sich Philippe
George, seit 1998 Leiter des Lütticher Domschatzes, nachdem er sich bereits
seit fast dreißig Jahren mit den dortigen Schätzen beschäftigt
hat.
Schnelle Führungen sind nicht seine Sache, und das ist gut so. Liebevoll führt Philippe George die Besucher durch die Schatzkammer, die sich mit insgesamt sieben Räumen auf drei Ebenen (mit Aufzug erreichbar) der Öffentlichkeit präsentiert. „Mit zusätzlichen Räumen könnten wir noch mehr zeigen, was an besonders wertvollen Stücken vorhanden ist.“ „Im Depot", so der Experte für Mittelalterliche Geschichte, „lagern noch interessante Dinge, die wir mit der Zeit austauschen werden, so dass der Besucher immer neue Exponate entdecken kann." Es ist ihm mehr als anzusehen, wie er sich über die derzeitige Präsentation freut. Besonders über „Die drei Auferweckungen durch Christus“ (die Tochter des Jairus, den Sohn der Wiwe Naims und Lazarus), ein Meisterwerk maasländischer Elfenbeinkunst, wahrscheinlich als Buchdeckel Anfang des 11. Jahrhunderts angefertigt. Voller Stolz präsentiert er den unangefochtenen Höhepunkt der Sammlung: Die Reliquiarbüste des Heiligen Lambertus, die von Hans von Reutlingen 1512 in Aachen angefertigt wurde und rund 90 Kilogramm wiegt. In der Reliquie befindet sich der Schädel des hl. Lambertus, der um 700 Bischof von Maastricht war und auf seinem Hofgut in Lüttich ermordet wurde.
Die ausgestellten Stücke stammen vom Schatz der Kathedrale und des Priesterseminars, von der Universität und von mehreren Lütticher Stiftskirchen, die im Zuge der Französischen Revolution zerstört wurden und ihren Kirchenschatz der Kathedrale übergeben haben. Leihgaben kommen ebenfalls von privaten Gebern, wie die Sammlungen Vandervelde und Pirenne.
Mit einer völlig neu konzipierten Ausstellung ist die Lütticher Domschatzkammer wiedereröffnet worden. In den neuen Räumen im Westflügel des Kreuzganges der Kathedrale sind bedeutende Stücke aus den Beständen des Domschatzes zu sehen.
Die Kathedrale selbst und ihre Schatzkammer gehören zum reichen Kulturerbe der Wallonie. „Das Fürstbistum, das seit dem Mittelalter Teil des hl. Römischen Reiches war, hat eine glanzvolle Geschichte gekannt und bedeutende Kunstwerke hervorgebracht Kunst und Geschichte hervorgebracht. Bereits vor 1000 Jahren hat ein Bischof das Fundament für die Schatzkammer des hl. Lambertus gelegt“, erklärt Philippe George. Beim Gang durch die einzelnen Abteilungen kommt man sich vor wie bei einem Streifzug durch die Geschichte der Stadt, des Fürstbistums und der Diözese Lüttich. Schon seit der Karolingerzeit ist Lüttich Sitz des Bischofs von Tongern, die ältesten Stücke der Domschatzkammer stammen aus dieser Epoche, eines ist sogar noch älter. Ein unscheinbares Stück Stoff, in das vermutlich einmal eine Reliquie eingewickelt war. Der Stoff aus dem 6. Jahrhundert ist im Dachstuhl des Kreuzgangs in großen abgedunkelten Vitrinen zu finden.
Der Chefkonservator Philippe George hofft, dass die Domschatzkammer auch von der Eröffnung anderer Museen, wie des Zentrums „Le Grand Curtius“, das die Sammlungen verschiedener Museen unter einem Dach vereint, profitieren wird. Sein bevorzugter Partner bleibt nach wie vor das Lütticher Archäoforum auf dem Lambertusplatz.
Dem praxis-orientierten Domschatzleiter ist es wichtig, „den Domschatz mit Leben zu erfüllen“. Deshalb werden jährlich Sonderausstellungen angeboten. Hinzu kommt, dass mit anderen Museen zusammengearbeitet wird, um Exponate auszutauschen. Bei der Nacht der Kathedralen am 2. Mai wird die Schatzkammer ebenfalls die Türen öffnen. „Wir wollen uns stärker zur Stadt, zur Provinz und zu anderen Institutionen öffnen“, erläutert der Konservator, „damit die Besucher immer etwas Neues und Besonderes entdecken können.“ Er fügte hinzu, die Hauptwerke seien ständig ausgestellt, bei den anderen Ausstellungsstücken finde ein regelmäßiger Wechsel statt. So würden insbesondere die liturgischen Gewänder wegen der Lichteinstrahlung regelmäßig ausgewechselt.
Mit kultureller Kommunikation wolle man Menschen erreichen, die vielleicht an kirchlichen Dingen nicht so sehr interessiert seien, meint er weiter. Dabei spielt die Ästhetik der Räume eine wesentliche Rolle, „denn wir möchten die Besucher in einer besonderen Atmosphäre einbetten.“ Die Ausstellungssäle sind thematisch angelegt und auch für pädagogische Zwecke eingerichtet. Damit wird die Schatzkammer zu einem außerschulischen "Lernort" zur Lütticher Geschichte. Ein großer Raum ist zudem auch für Seminare, Vorträge, Konzerte und Sonderveranstaltungen nutzbar, um diesen kostbaren Ort mit Leben zu erfüllen, wie Philippe George immer wieder betont.
Philippe George und sein 40-köpfiger Mitarbeiterstamm, der ausschließlich aus Ehrenamtlichen besteht, lediglich zwei Arbeiter werden von der Wallonischen Region finanziert, setzen auf mediale Interaktivität, die dem Betrachter eine optimale und dreidimensionale Annäherung an die Objekte ermöglicht. Dank dieser Mittel eröffnen sich dem Besucher ganz neue Blicke, so beispielsweise bei der Enteckung der „Seidenstraße“, der Kasel von David von Bourgogne, des Kultes der Reliquien im Mittelalter und des Reliquiars Karls des Kühnen (1467), das zurzeit auf Tournee in Bern, Brügge und Wien ist, wodurch ihre Restaurierung finanziert wird. „Mit unseren sehr bescheidenen Mitteln hätten wir uns die Restaurierung nicht finanzieren können“, bestätigt Philippe George. Ab dem 21. Juli wird sie wieder in Lüttich sein. „Das wird für uns eine echte Neuentdeckung sein.“, ist er sich sicher. Ein besonderer Schatz der früheren Kathedrale ist das „Kruzifix der Wunder“ aus dem 16. Jahrhundert, das im vergangenen Jahr der Domschatzkammer übergeben wurde. „Wir möchten den alten Kunstschatz der Lambertus-Kathedrale wieder rekonstituieren“, wünscht sich der Chefkonservator, „denn die Werke wurden durch die Revolution überall hin versprengt.“
Während der Ausstellung werden öffentliche Führungen, Führungen für Schulklassen und Kombi-Führungen (Kathedrale und Domschatz oder Domschatz und Archäoforum) angeboten. Interessante thematische Bücher, Flyer und Kataloge in der im Kreuzgang angesiedelten Buchhandlung erläutern den Domschatz. Die Vereinigung „Trésor Saint-Lambert“ ist Mitglied der 2005 gegründeten „Europäischen Vereinigung der Domschätze und Kirchenmuseen“ unter der Schirmherrschaft S.M. Prinz Lorenz, die ihren Sitz in Lüttich hat und 17 Nationen umfasst
Geöffnet ist die Ausstellung, die sich im Kreuzgang der Kathedrale befindet, dienstags bis sonntags von 10.00 bis 17.00 Uhr. Eintrittspreise von 1,25 bis 5 Euro, zuzüglich Audio-Führer wahlweise in vier Sprachen. Geführte Besuche täglich um 15 Uhr in Französisch. Anmeldung unter Tel. 04/2326132 oder 0484/606110. Informationen sind auf der Website www.tresordeliege.be einzusehen.
NACHGEFRAGT
Wir unterhielten uns mit dem 52-jährigen Leiter der Domschatzkammer, Philippe George, der ihr seit 1998 vorsteht. Der Vater von zwei Kindern leitet ebenfalls die Schatzkammer der Kathedrale von Malmedy.
Welchen Herausforderungen sehen Sie sich gegenüber?
Unsere große Herausforderung ist finanzieller Art. Die Bausubstanz der St. Pauls-Kathedrale hat im Laufe der Jahrhunderte stark gelitten – der Westflügel war abesackt – weshalb dringende Sanierungsarbeiten erforderlich wurden. 2,7 Millionen Euro wurden aus Mitteln der EU (Fonds für regionale Entwicklung, EFRE), der Region, der Provinz und der Stadt Lüttich zur Verfügung gestellt. Die Renovierung der Schatzkammer war der Motor der Restauration der Kathedrale. Unsere VoG musste eine Anleihe von 360.000 Euro aufnehmen. Deshalb sind wir auf viele Besucher, unsere wichtigste Einnahmequelle, angewiesen. Unser Ziel ist es, 10.000 Besucher pro Jahr zu erreichen. Wenn das gesamte Projekt mit dem Ostflügel abgeschlossen ist, hoffen wir 30.000 zu erreichen, was uns realistisch erscheint.
Was ist das Spannende an der Ausstellung?
Ich finde, dass die Atmosphäre in den neuen Räumen einzigartig ist. Der Domschatz hat eine Seele bekommen. Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter sind sehr darauf bedacht, dass sich die Besucher bei uns gleich willkommen fühlen. Uns liegt besonders die mediale Aufbereitung des bedeutenden Kirchenschatzes am Herzen. Computerplätze mit einzeln abrufbaren Informationsmodulen für die Besucher, auch für Kinder, sowie Audio-Führer für Einzelbesucher machen den Besuch der Domschatzkammer noch attraktiver.
Welche religiöse Bedeutung hat die Ausstellung?
Ich würde mit Bischof Aloys Jousten sagen, dass das ästhetisch Schöne unseren Horizont öffnet und weitet und dass wir gerade über diesen Weg einen Zugang zu Gott finden können. Das Schöne hilft uns, Gott als das Schöne und Gute, als den Schönen und Wahren zu entdecken. Mit unseren Führungen ist auch die Chance verbunden, anderen Menschen etwas vom Glauben zu erzählen. Das Wissen darum ist heute leider sehr gering, ebenso die Kenntnisse in Kunst- und Kulturgeschichte. So kommt es durchaus vor, dass manch seltsame Frage gestellt wird. Beispielsweise: "Wozu dient die Monstranz?"