Technisches Institut der Bischöflichen Schule Sankt Vith
Gespräch mit Werkstattleiter René Murges
27.11.2008

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Interview mit TI-Werkstattleiter René Murges

Das falsche Bild vom technischen Beruf beginnt bei den Eltern

Die Wirtschaft in Ostbelgien sucht händeringend nach Fachkräften. Der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs nimmt vielfach alarmierende Züge an.
Zuletzt absolvierten fünfundzwanzig Schüler ihr technisches Abitur am Technischen Institut der Bischöflichen Schule St. Vith (www.bsti.be), was einen Schnitt von nur drei Schülern pro Abteilung (Fachrichtung) ergibt.
Die Infrastruktur im TI kann sich sehen lassen. Das Problem liegt aber darin, dass nur wenige Schüler z. B. ein Abitur in Elektronik machen. Das gibt zu denken. Die Industrie sucht Facharbeiter, die Technische Schule sucht junge Leute.

Wir befragten den Werkstattleiter der bedeutendsten technischen Lehranstalt in der Eifel, dem Technischen Institut von Sankt Vith. René Murges war acht Jahre lang KFZ-Elektriklehrer und leitet seit einem Jahr die Werkstätten. Der 36-jährige Pädagoge stammt aus Berterath und erhielt sein Mittelschuldiplom am Bischöflichen St. Marien-Institut in Büllingen. „Ich wollte danach sofort in die Lehre gehen, aber meine Lehrer drängten mich, zunächst das Abitur zu machen.“ Trotzdem absolvierte er eine Lehre als Automechaniker und war anschließend vier Jahre lang als Rennmechaniker in Hasenvenn beschäftigt. Nach einer fast einjährigen Ausbildung in Grace-Hollogne in „Mécanique en performance“ machte er seinen Meister in Autoelektrik und arbeitete in einer Werkstatt in Recht. Danach gab er Meisterkurse beim Zentrum für Aus- und Weiterbildung des Mittelstandes (ZAWM). So gelangte er schließlich als Lehrer an die Bischöfliche Schule St. Vith und erhielt im Jahr 2000 seine Lehrbefähigung.

Herr Murges, wie kam es zu diesem Wechsel? Was motivierte Sie, Lehrer und seit kurzem Werkstattleiter an dieser Schule zu sein?
Ich möchte vor allem mein Wissen, das ich mir in den vergangenen Jahren angeeignet habe, an die Jugendlichen weitergeben und ihnen zu einem guten Start ins Berufsleben verhelfen. Auch möchte ich sie für den technischen Beruf begeistern.

Worauf ist das mangelnde Interesse an technischer Ausbildung zurückzuführen? Warum ist das Abitur in einer technischen Schule schlechter angesehen als im Gymnasium?
Es liegt wohl am schlechten Image, das einer Technischen Schule anhängt, weil man den dortigen Unterricht auf die rein berufliche Abteilung beschränkt. Das Problem liegt darin, dass keine Differenzierung gemacht wird zwischen der technischen Ausbildung in einer Übergangsabteilung, der Qualifikation in einer technischen Abteilung und der Ausbildung in einer beruflichen Abteilung. Außerdem haben viele ein falsches und veraltetes Bild von technischen Berufen.

Viele falsche Berufsbilder ...auch noch in den Familien?

Das falsche Bild von technischen Berufen beginnt bereits bei manchen Eltern, die sagen, dass ihr Sohn/ihre Tochter für eine technische Schule zu stark ist. Viele sehen nur den Menschen an einer Maschine stehen, dabei läuft ohne digitale Steuerung in der Industrie nichts mehr.

Wie kann man den Vorurteilen begegnen?

Das Interesse für einen technischen Beruf kann bei Kindern und Jugendlichen nur aufkommen, wenn die Erwachsenen ihr Bild revidieren. gelöscht
Auch gibt es viele Initiativen, um den Vorurteilen entgegenzuwirken. So führt der Studienkreis „Schule und Wirtschaft“ (www.schule-wirtschaft.be) durch verschiedene Veranstaltungen der Öffentlichkeit vor Augen, dass der technische Beruf durchaus sehr anspruchsvoll und abwechslungsreich ist. Allein die Veränderungen der Berufsbezeichnungen zeigen, welche Entwicklungen sich auch in Bezug auf die Anforderungen in diesen Berufen vollzogen haben. So wurde aus dem "Autoschlosser" erst der "Automechaniker" und schließlich der "KFZ-Mechatroniker". Der Name hat sich geändert, weil auch die Art und die Schwerpunkte der Arbeit sich entwickelt haben.

Warum finden so wenige Frauen zu den technischen Berufen?
Allgemein dominiert in der Gesellschaft immer noch die Auffassung, dass in einem technischen Beruf viel Muskelkraft erwartet wird, dass Mädchen und Frauen daher nicht die körperliche Voraussetzung mitbringen und dass auf Grund dessen technische Berufe zur Domäne der Männer gehören. Angesichts der oben angesprochenen Entwicklung innerhalb der Berufe und Betätigungsfelder ist diese Ansicht aber ebenso veraltet wie die eine oder andere Berufsbezeichnung.

Worauf ist der Lehrermangel vor allem in einer technischen Schule zurückzuführen?
Wenn ein Lehrer in den Technischen Unterricht einsteigt, muss er zu Beginn mit erheblichen finanziellen Einbußen rechnen und seine Berufsjahre werden nur teilweise anerkannt. Dabei braucht man doch gerade Lehrer mit Berufserfahrung.
Hinzu kommt, dass der Umgang mit jungen Menschen in der heutigen Zeit nicht einfacher wird. Häufig ist auch „Minimalismus“ bei Schülern angesagt: Warum mehr Energie investieren, wenn man gerade genug hat, um das Jahr zu bestehen. Es gibt wohl mehr Jugendliche mit schulischen und sozialen Problemen an einer Technischen Schule als in einem Gymnasium, weil manche schon von vornherein in eine technische Ausbildung "geschleust" werden. Manche meinen, dass im allgemeinbildenden Unterricht nur Platz für „Musterschüler“ ist.

Welche Bedeutung hat der Religionsunterricht in einer technischen Schule?

Ein Gedanke von Hanns Koren auf einem Spruchkalender, der in der Wohnung von BS-Religionslehrer und Kaplan Walter Heyen hängt, hat mich sehr angesprochen: „Der Glaube hilft dem Menschen, ein Mensch zu sein“ Gerade in einer Werkstatt, ob in der Schule oder im Berufsleben, wo so viele Menschen zusammen arbeiten, ist es wichtig, unter Kollegen menschlich miteinander umzugehen. Auch für einen technischen Beruf ist es wichtig, christliche Werte zu vermitteln, weshalb der Religionsunterricht einen wichtigen Stellenwert an unserer Technischen Schule hat.

Das Interview führte Lothar Klinges.